Leseprobe

Leseprobe zu Lianur: Der verbotene Kristall

Hier findet ihr eine kleine Leseprobe von Lianur

Prolog

Der Staub von mehreren Jahrhunderten wurde seit Ewigkeiten zum ersten Mal wieder aufgewirbelt, als die Pforten zu dem längst vergessenen Aufenthaltsort des sagenumwobenen Schattenkristalls erneut geöffnet wurden.

Alron von Adir, ein stolzer Kämpfer, dessen Gesicht durch viele Kriege gezeichnet war, hatte die vergessenen Hallen entdeckt. Sein dunkles Haar hing schlaff an der schweren Plattenrüstung herab, als sein Blick durch den Raum wanderte.

Jetzt würde es ihm endlich gelingen, diesen sinnlosen Krieg, der die Welt ständig heimsuchte, zu beenden, dachte er zuversichtlich.

Noch immer war er überrascht, dass er dabei war, nicht nur die Feinde seiner Götter, sondern auch seine Götter selbst zu besiegen. Früher hätte er noch nicht einmal im Traum daran gedacht, ein schlechtes Wort über seine Götter zu äußern.

Doch dies war, bevor er seine einstige Liebe in einem Kampf für seine Götter verloren hatte.

Ja, die ach so noblen Götter. Sie behaupteten stets, dass sie für das Leben einstehen würden, doch brachten sie über die Völker Lianurs nur Tod und Zerstörung. Dies würde sich heute ändern. Er war bereit, jeden Preis dafür zu zahlen, denn aus seiner Sicht war alles besser, als dass die verschiedenen Völker weiterhin für die Gier ihrer Götter sterben mussten.

Vorsichtig ging er tiefer in die Halle, in der es durch sein Fackellicht düster leuchtete. Die Schatten zwischen den Säulen waren fast greifbar und wirkten lebendig. Mit jedem seiner Schritte wirbelte er weiteren Staub auf, welcher Zeichnungen von längst vergangenen Zeiten freigab.

Dies alles beachtete Alron jedoch nicht und bewegte sich stattdessen zielsicher auf das Zentrum der Halle zu. Jener Ort, wo sich der Schattenkristall befinden sollte. Je näher er kam, umso stärker hoffte er, dass die Aufzeichnungen über diesen Kristall stimmen würden. Denn diese versprachen eine Möglichkeit, mit der man die Götter selbst entmachten könnte.

Dann sah er vor sich eine prachtvolle verzierte Tür, welche im Gegensatz zum Rest der Halle von einem schwachen Leuchten umgeben war. Alron zweifelte nicht daran, dass es einen magischen Ursprung hatte. Zum ersten Mal seit dem Verlust seiner Geliebten erfasste Alron eine Art Freude und er beschleunigte seine Schritte, um die Tür zu erreichen.

„Halt, du Narr!“, hallte eine Stimme zwischen den Säulen wieder.

„Du hast an diesem Ort nichts verloren, verlasse ihn, so lange du noch kannst.“

Es überraschte Alron, dass sich anscheinend noch jemand an diesem Ort befand, demnach war der Wächter des Kristalls also immer noch am Leben.

„Verlasse diesen Ort, Mensch, ich werde es nicht noch einmal sagen“, dröhnte die Stimme erneut durch die Halle.

„Anstatt leere Drohungen auszusprechen, solltest du dich lieber zeigen“, entgegnete Alron.

„Ich werde diesen Ort nicht ohne den Kristall verlassen.“

Es verstrichen einige Augenblicke, in denen zunächst gar nichts geschah, doch dann bemerkte Alron einige schemenhafte Bewegungen. Eine Gestalt trat wie aus dem Nichts in den Schein seiner Fackel.

Zu Alrons Erstaunen hatte die fremde Gestalt wenig mit dem Wesen gemeinsam, das die Schriften beschrieben hatten. Sein Gegenüber war so groß wie er und hatte schulterlanges, schwarzes Haar. Über seinem rechten Auge verlief eine merkwürdig gezackte Narbe, das Auge selbst jedoch war unverletzt.

Das Einzige, was Alron sonderbar fand, war der Umhang, in den sein Gegenüber gehüllt war.

Nein, wurde es ihm bewusst, dies war kein Umhang, sondern Schwingen.

„Hast du nun genug gestaunt, Mensch?“, sprach das Wesen erneut.

„Mein Name lautet Thenor. Ich bin der Wächter dieses Ortes und fordere dich hiermit zum letzten Mal auf zu gehen. Ich habe nämlich keinerlei Interesse, jemanden sinnlos zu töten. Verlasse diesen Ort, vergesse, dass er existiert und komme nie wieder.“

Langsam begann Alron seine rechte Hand unauffällig in die Richtung seines Schwertes zu bewegen, welches an seinen Gürtel geheftet war. Als seine Hände den Griff berührten, dachte er erneut an die Ironie, die sich mit dieser Waffe ergab. Schließlich war die Klinge mit der Magie seiner Götter versehen, welche er nun plante zu besiegen. Auch der Rest seiner Ausrüstung war von der Magie seiner Götter durchzogen. Nur wenige der treusten Anhänger erhielten Artefakte mit solcher Macht wie er bei sich trug.

Er selbst war solch ein Anhänger gewesen – bis zu dem Tag, als man seine Geliebte tötete. Alrons Griff wurde fester, die Waffe fühlte sich dabei beinahe lebendig an. Er spürte deutlich, wie die Magie in ihr pulsierte.

„Nun …“, begann er zu sprechen.

„Wie wäre es, wenn ich dir ein Angebot mache? Ich werde dich nicht töten, wenn du mich ohne Widerstand zum Kristall lässt.“

Thenor seufzte resigniert, bevor er antwortete:

„Dann müssen wir also kämpfen. Man kann mir jedenfalls nicht vorwerfen, dass ich dich nicht gewarnt hätte. Nicht, dass dies an diesem Ort überhaupt irgendwen kümmert“, entgegnete er mit einem leichten Lachen.

Dann breitete Thenor ohne Vorwarnung seine Schwingen aus. Der dadurch entstandene Luftstoß hätte Alron mit all seiner Wucht beinahe von seinen Beinen gerissen, doch wie durch ein Wunder schaffte er es stehen zu bleiben. Fast zeitgleich zog er sein Schwert. Dies geschah, noch bevor sein Widersacher nach seiner eigenen Waffe greifen konnte, die unter den Schwingen verborgen war.

Alron nutzte diesen Moment, um ihn direkt anzugreifen. Doch bevor er Thenor erreichte, hatte dieser wie durch Geisterhand sein Schwert zur Abwehr erhoben und parierte den Angriff, ohne sich sonderlich anzustrengen.

„Weißt du …“, begann Thenor zu sprechen, während ihre Klingen aufeinander trafen. „Ich frage mich, warum eigentlich nie jemand auf mich hört.“

Statt zu antworten, löste Alron seine Klinge von der seines Gegners und sprang einen Schritt nach hinten, um sich einen sicheren Abstand zu verschaffen. Dieses Manöver brachte ihm jedoch keinen Vorteil, denn im selben Moment schwebte über Thenors Hand ein magischer Feuerball, der sich zugleich von ihm entfernte und zielsicher auf Alron zuflog. Nur mit knapper Not konnte er einem Treffer entgehen. Dann jedoch streifte das magische Geschoss seine linken Schulter und brachte das Metall an dieser Stelle, trotz des magischen Schutzes seiner Rüstung, zum Glühen.

Benommen versuchte Alron, wieder auf seinen Gegner zu zielen. Der brennende Schmerz in seiner Schulter behinderte ihn jedoch.

Sein Widersacher verfügte ohne Zweifel über große magische Kräfte. Denn normale Feuermagie wäre niemals im Stande, seine Rüstung zu überwinden. Bei seinem erneuten Angriff versuchte es Alron mit einer direkten Attacke, doch Thenor sprang in die Luft und wich ihm dabei spielerisch aus.

Beinahe zu spät erkannte Alron, was der Wächter vorhatte. Im letzten Augenblick sprang er zur Seite, als neben ihm erneut ein magisches Geschoss einschlug. An der Stelle, wo es sich entlud, verwandelte sich der Boden in eine glatte Eisfläche.

Er musste einfach in eine bessere Position kommen, sonst würde ihn Thenor früher oder später erwischen. Alron sprang hinter eine der Säulen in der Halle, um wenigstens einen kurzen Moment geschützt zu sein. Anscheinend schien sein Plan tatsächlich aufzugehen, denn Thenor glitt langsam wieder herab und landete auf dem Boden. Alron breitete sich erneut auf einen Angriff vor, während er hörte, wie sich sein Gegner ihm mit beinahe gemächlichen Schritten näherte. Blitzschnell drehte sich Alron mitsamt seiner Klinge herum, um seinen Angreifer zu erwischen. Doch zu seinem Erstaunen war dieser nicht an der Stelle, wo er ihn vermutet hatte.

Stattdessen spürte er plötzlich ein Stechen wie von tausend Nadeln in seinem Rücken, gefolgt von einer Druckwelle, welche ihn mehrere Meter nach vorne schleuderte. Nur dank seiner magischen Rüstung und seiner schnellen Reaktion konnte er verhindern, dass er sich ernsthafter verletzte.

Dennoch schmerzten ihn nun sämtliche Muskeln, wenn er versuchte, sich zu bewegen. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er es mit einem Kämpfer zu tun hatte, der ihm in vieler Hinsicht überlegen war. Alrons einzige Chance, ihn zu besiegen, war ein Überraschungsmoment.

Früher hätte er einen solchen Trick zutiefst verabscheut, aber dies gehörte der Vergangenheit an. Für sein Ziel konnte er sich nicht an falsche Ideale klammern, welche ihn nur einschränken würden.

Alron ließ seine Waffe auf den Boden fallen und lief auf Thenor zu.

„Ich habe wohl wirklich keine Chance gegen dich. Ich werde aufgeben und all dies hier vergessen.“

Thenor entspannte seine Schwingen und antwortete:

„Hm, endlich mal ein Sterblicher, der vernünftig ist, und weil ich heute meinen groß…“ Weiter konnte Thenor nicht sprechen. In diesem Moment holte Alron einen Dolch unter seiner linken Armschiene hervor und stieß diesen direkt in Thenors Brust. Der Wächter starrte Alron erstaunt an, dann grinste er.

„Ein netter Versuch, Sterblicher, doch leider kann ein solches Spielzeug mich nicht verletzen. Dabei wollte ich dich wirklich gehen lassen.“

Alron nickte. „Du hast recht, doch dies ist kein normaler Dolch, er ist ein Geschenk meiner Götter, dazu geschaffen, Dämonen wie dich zu töten.“

Als die Worte verhallt waren, betrachtete Thenor die Wunde, in welcher der Dolch steckte. Etwas schien sich dort zu verändern. Dunkle Fäden bildete sich um die Einstichstelle und begannen, den Körper und die Schwingen zu umschlingen.

Verzweifelt versuchte er, sich daraus zu befreien, während er mit seinen dunklen Schwingen wild um sich schlug. Alron bemerkte, dass die Kraft aus Thenors Körper entwich, als dieser ihn zornig ansprach:

„Dummer Mensch, du hast gar keine Ahnung, welche Kräfte du … beschwören willst …“

Alron musterte ihn mit einem kühlen Blick: „Alles ist besser als dieser Krieg, der in unserer Welt sinnlos tobt.“

Alron hob sein Schwert auf. Doch bevor er zum tödlichen Schlag ausholen konnte, wurde Thenor von einem grellen Licht umhüllt und verschwand.

Auf seinen Lippen bildete sich ein Lächeln. Alron war durchaus bewusst, dass ihm der Wächter entkommen war.

Das bereitete ihm jedoch keine Sorgen, mit diesen Verletzungen bräuchte selbst ein mächtiges Wesen wie Thenor einige Zeit, um sich zu erholen.

Nicht zuletzt deshalb, weil es eine magische Wunde war.

Bis dahin würde er längst den Kristall in seinen Besitz gebracht haben und dann wäre alles andere unwichtig.

Langsam legte Alron die letzten Schritte zum Tor zurück, welches den Schattenkristall einschloss, und betrachtete die eingravierten Zeichnungen ausgiebig, um eine Möglichkeit zu finden, das Tor zu öffnen. Schließlich entdeckte er die Symbole, die er gesucht hatte. Die Symbole standen für die Götter Lianurs, den Dämonen und Lichtwesen. Vorsichtig berührte er die beiden Symbole. Ein Geräusch von Stein, der an Stein rieb, erklang, als sich das Tor langsam öffnete und den Weg zu dem Kristall freigab.

Der Kristall war von einem grauen Leuchten umgeben und schwebte inmitten des Raumes zwischen vier silbernen Säulen. Er war etwa so groß, dass ihn zwei Hände knapp umschließen konnten, und hatte eine gräulich-glänzende Oberfläche, während die Kanten perfekt geschliffen waren. Ein leises Summen schien dabei von ihm auszugehen.

Alron hatte das Gefühl, als würde der Kristall ihn rufen. Langsam näherte er sich ihm und betrachtete ihn ruhig. In diesem Moment herrschte absolute Stille und selbst das Summen verstummte für einen Moment. Dann vergaß Alron all seine Vorsicht und berührte den Schattenkristall.

100 Jahre später

Die letzten Sonnenstrahlen berührten gerade die Baumspitzen des Waldes, bevor die Sonne hinter dem Horizont verschwand.

Es hätte ein Wald wie jeder andere sein können. Doch dies traf auf den Wald von Koldor nicht zu. Er galt seit jeher als ein alter Ort der Magie. So wirkte der Wald von außen klein und unscheinbar, erstreckte sich aber in seinem Inneren anscheinend endlos. Er war eine Besonderheit, hervorgebracht durch die natürliche Magie auf Lianur. Man konnte ihn innerhalb weniger Minuten durchqueren oder Jahre in ihm herumirren. Denn der Wald reagierte auf den Wunsch der Personen, die ihn betraten. Hatte man ein festes Ziel, führte einen der Wald direkt dorthin. War man sich jedoch über sein Ziel unsicher, verhielt sich der Wald genauso und gab keinen Ausgang frei. Nur wenige wussten über diese Magie Bescheid, weshalb manche Leute, die diesen Wald betraten, nie wieder gesehen wurden.

Die sechs verhüllten Gestalten, die nun auf eine Lichtung des Waldes traten, wussten jedoch durchaus von der Magie jenes Ortes. Sie versammelten sich um ein Lagerfeuer, dessen Flammen merkwürdig bläulich brannten. Es handelte sich bei den Gestalten um zwei Gruppen von je drei Personen, die sich in respektvollem Abstand gegenüberstanden.

Die beiden Gruppen musterten sich still. Lediglich das leise Knistern der Flammen beeinträchtigte diese Stille. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, bis eine der Gestalten aus der Mitte der rechten Gruppe das Schweigen brach:

„Konntet Ihr es inzwischen fertigstellen?“, fragte eine männliche Stimme, die jung und kräftig klang.

„Natürlich ist es fertig. Schließlich habe ich persönlich daran gearbeitet. Ich war sogar trotz der Hilfe von einem der Eurigen in der Lage, es rechtzeitig zu vollenden“, entgegnete die mittlere Gestalt auf der linken Seite des Feuers trotzig und trat etwas näher an die Flammen heran.

„Mir hat die Zusammenarbeit genauso gefallen, Nasrul“, erklang eine ruhige weibliche Stimme.

„Es freut mich, zu erfahren, wie sehr Ihr die Fähigkeiten unseres Volkes zu schätzen wisst“, fügte sie spöttisch hinzu.

Nasrul räusperte sich. „Genug mit diesen unnötigen Wortspielen, Tarilia, ich habe hiermit meinen Anteil an diesem Zweckbündnis erfüllt. Ich hoffe, euer Anführer Nirafar und Ihr habt dies genauso getan. Auch wenn ich den Vorschlag, mein Meisterwerk einem sterblichen Menschen zu geben, für fragwürdig halte.“

Nun war es Nirafar, der die Stimme erhob: „Was Ihr von dieser Idee haltet, steht nicht zur Debatte. Denkt daran, wir haben ein Abkommen diesbezüglich.“

Nasrul wollte zu einer bissigen Antwort ansetzen, hielt aber im letzten Augenblick inne.

„Ihr wisst genauso wie ich, dass wir diesmal zusammenarbeiten müssen, denn wir haben schon zu viel unseres Einflusses über die anderen Völker verloren. Ebenso müssen wir uns eingestehen, dass unsere gottgleichen Kräfte gegen jenes Artefakt, das dieser Alron besitzt, nutzlos sind – weshalb wir uns hier versammelt haben, um zumindest vorerst zusammen zu arbeiten.“

Widerwillig rang sich Nasrul ein Nicken ab und schaute zu der Gestalt neben sich.

„Mirane, gib unseren Verbündeten das Schwert. Ich finde es nicht richtig, es einem Menschen zu geben. Allerdings habt ihr recht, aufgrund der Zauber, die auf dieser Waffe liegen, könnte es von uns wohl keiner ohne Gefahr führen.“

Mirane ging langsam um das Feuer herum, während sie von Nirafar und seinen Begleitern nicht aus den Augen gelassen wurde. Sie näherte sich Tarilia und blieb schließlich vor ihr stehen. Dann glitten ihre Hände unter ihre Kutte und sie holte einen in Stoff gehüllten, länglichen Gegenstand hervor.

Tarilia betrachtete das Stoffbündel neugierig, obwohl sie wusste, um was es sich handelte, denn schließlich hatte sie selbst geholfen, dieses Objekt zu erschaffen. Ein weiterer Moment verstrich, bis sie nach dem Stoffbündel griff und es vorsichtig entgegennahm. Anschließend ließ sie es unter ihrer Kutte verschwinden. Als Mirane sich wieder zurück zu Nasrul begab, ergriff dieser wieder das Wort:

„Ich hoffe, dass unser Plan funktionieren wird, ansonsten werden wir nie wieder unsere Macht zurückerlangen.“

Nirafar nickte zustimmend.

„Wir werden erfolgreich sein, sofern sich alle an die Vereinbarung halten.“

Sie besprachen die letzten Details ihres Planes und entfernten sich von der Feuerstelle. Nur ein paar verkohlte Holzstücke wiesen am nächsten Morgen auf das heimliche Treffen hin.

KAPITEL 1

Das Erwachen

Leise schlich Than durch die Wälder, die nahe beim Dorf Trista lagen. Er und ein anderer Bewohner hatten die Aufgabe bekommen, Tiere im Wald zu erlegen, um so die Bewohner mit Nahrung zu versorgen. Genauso gut hätten er und sein Begleiter auch jede andere Aufgabe ausgeführt, die man ihnen aufgetragen hätte.

Denn wie fast alle Bürger Lianurs standen auch Than und sein Begleiter unter dem Einfluss des Schattenkristalls. Sie besaßen keinerlei eigenen Antrieb und waren mehr oder weniger Marionetten, die einfach nur existierten. Sie spürten keinerlei Gefühle, kein Mitgefühl, aber auch keinen Hass oder Neid. Beide führten die Jagd mit einer unglaublichen Präzision aus – als würden sie schon seit Jahren zusammenarbeiten.

Wenn die Umstände normal gewesen wären, hätte man sie wohl für beste Freunde halten können. Doch die vermeintlichen Freunde waren einst Feinde gewesen – vor Alrons Eingreifen. Seitdem hatte sich das Leben auf der Welt Lianur verändert. Fast all seine Bewohner waren zu emotionslosen Wesen geworden.

Than schlich sich mit seinem Begleiter an ein junges Reh heran. Dabei achtete er darauf, dass er mit seiner leichten Jagdkleidung keinerlei unnötige Geräusche erzeugte.

Sie hatten das Reh beinahe erreicht, als Than das Geräusch von rutschenden Steinen hörte. Er schenkte diesem jedoch keine weitere Beachtung und konzentrierte sich weiterhin darauf, das Reh zu erlegen.

Schließlich war nur dies seine Aufgabe, alles andere war unwichtig. Er griff leise nach den Bogen. Das Reh selbst schien das Geräusch der Steine ebenfalls nicht bemerkt zu haben und fraß weiterhin friedlich vom Gras.

Than spannte einen Pfeil ein und schoss auf das Reh. Der Pfeil surrte durch die Luft und traf das Tier mit tödlicher Genauigkeit.

Than steckte den Bogen wieder weg und näherte sich dem toten Reh. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Begleiter nicht mehr anwesend war. Er schaute sich um und erkannte, dass dort, wo sein Begleiter lang gegangen war, der Boden eingestürzt war. Than ging zu der Stelle, um dies zu überprüfen, fand von seinem Begleiter jedoch keinerlei Spur. Anstatt jedoch weiter nach ihm zu suchen, machte er das Reh fertig für den Transport und kehrte ins Dorf zurück. Er empfand keine Trauer für seinen Gefährten, welcher ihn oft auf die Jagd begleitet hatte. Seine Aufgabe bestand darin, Nahrung zu besorgen – und das hatte er getan. Gefühle existierten in Alrons neuer Welt nicht mehr.

Auf dem Weg zurück aus dem Wald achtete er nicht auf die vermummte Gestalt am Wegrand, welche offensichtlich auf ihn zu warten schien. Lautlos trat die Gestalt auf den Weg und verhinderte so, dass Than ohne Weiteres weitergehen konnte. Gerade wollte er die Gestalt einfach umgehen, um sein Ziel zu erreichen, als diese plötzlich mit einer sanften, weiblichen Stimme zu ihm sprach:

„Than Doraun …“, begann sie.

„Ich bringe dir einen neuen Auftrag vom Stadthalter, du sollst in Zukunft dieses Schwert als Waffe benutzen.“

Als Reaktion darauf nickte Than lediglich und nahm das Schwert ohne jeglichen Argwohn entgegen. Anschließend befestigte er es an seinem Gürtel und setzte seinen Weg in die Stadt fort, als ob es dieses Treffen nie gegeben hätte.

Tarilia beobachte zufrieden, wie sich Than mit dem Schwert entfernte. Ihre Aufgabe bezüglich des Plans zwischen Lichtwesen und Dämonen war nun erfüllt.

Ab jetzt würde alles von diesem Menschen abhängen – von diesem Menschen und Ziana. Diese versklavte Menschenseele ging sie jedoch nichts nichts an. Sollten die Anderen doch sehen, wie sie mit diesem Than zurechtkommen würde.

Es warteten nun wichtigere Aufgaben auf sie. Gelangweilt warf sie ihren Umhang zurück und gab so ihre mit Federn besetzen Schwingen frei. Noch einmal blickte sie sich zufrieden um. Am Ende würde sich Lianur verändern, vielleicht sogar zu ihren Gunsten. Doch noch musste sie etwas erledigen und sich darauf konzentrieren, dieses Gebiet zu verlassen, denn sie spürte, wie der Einfluss des Schattenkristalls an ihren Kräften zu nagen begann und sie schläfrig werden ließ. Sie breitete ihre Schwingen aus und sprang von einer Klippe in der Nähe, um davonzugleiten.

Die Sonne versank bereits hinter dem Horizont, als Than mit dem erlegten Reh die Stadt erreichte. Das schwächer werdende Sonnenlicht ließ die Dächer der Stadt Tristan wie kostbare Juwelen glänzen. Ja, die ganze Stadt selbst wirkte von der Stelle aus, wo Than sie sah, wie ein einziges strahlendes Juwel, welches von den Wellen an der Küstenseite der Stadt umspielt wurde. Dieser Anblick hätte früher jeden Reisenden begeistert, doch Than empfand nichts und setzte seinen Weg in Richtung der Stadt fort.

Nach einer weiteren Stunde erreichte Than schließlich die Stadttore, welche weit geöffnet waren. Es standen lediglich zwei Wachen an den offenen Toren. Sie ließen ihn passieren, ohne auf ihn zu achten. Denn ihre Aufgabe bestand nicht darin, Bürger aufzuhalten und zu kontrollieren. Sie hatten nur den Auftrag, die noch wenigen wilden und aggressiven Tiere von der Stadt fernzuhalten. Alles andere konnte schließlich unmöglich zu einer Gefahr werden.

Als Than die Tore durchquerte, würdigte er die Wachen ebenfalls keines Blickes. Er wanderte direkt auf der ehemaligen Handelsstraße von Tristan zum alten Palast der Stadt. Auf dem Weg dorthin stieß er mit einem anderen Bürger zusammen, welcher dadurch auf den Boden stürzte. Doch anstatt auf irgendeine Weise zu reagieren, setzten beide ihren Weg einfach fort.

Als die Sonne nun fast untergegangen war, erreichte Than den Eingang zum Palast. Dieser Ort war vor der Veränderung durch den Schattenkristall einst ein Ort voller Leben und des Handels gewesen. Nun wirkte er wie eine verlassene Ruine. Die einzigen Lebewesen in den Hallen waren Alrons Stadtverwalter und die Wachen.

Als Than weiter in die Burg vordrang, wirbelte er mehrere Staubschichten auf. Denn die Gänge der Burg wurden seit Jahren nicht mehr gereinigt, und nur wenige Bürger gingen zu dem Stadthalter, um ihre Befehle direkt zu erhalten. Die drückende, traurige Stimmung, die diesem Ort auferlag, berührte Than nicht.

Er verließ den zentralen Gang und überquerte den Hof, der in den letzten Jahren mit wild wachsenden Dornenranken überwuchert worden war. Einst strahlende Statuen, die wohl früher einige der Lichtwesen darstellt hatten, waren mit Ranken überdeckt oder teilweise zerfallen.

Wenn Than in der Lage gewesen wäre, die Statuen zu studieren, wäre ihm aufgefallen, dass eine der Statuen jener Frau ähnelte, die er an diesem Tag auf dem Weg nach Tristan getroffen hatte.

Schließlich erreichte Than eine massive Doppeltür, welche aus einem stabilen dunklen Holz bestand. Auf der Tür erkannte man, wenn auch leicht verblasst, die Zeichnungen von zwei miteinander kämpfender Wesen. Auf dem linken Türflügel war ein Lichtwesen abgebildet, welches wie ein schützendes Schild die Angriffe des anderen Wesens abwehrte, das sich auf dem rechten Türflügel befand und eindeutig einen der Dämonen mit ihren ledernen Schwingen darstellte. Than öffnete emotionslos die Türen, welche ihn direkt in den Saal einließen, in dem sich der Stadthalter von Tristan befand.

Than näherte sich dem eher schlicht wirkenden Tisch, an dem der Stadthalter saß. Asdar, welcher für die Überwachung der Menschen in Tristan zuständig war, wirkte fast ein wenig wie eine Parodie jener Wesen, welche auf die Doppeltür gezeichnet waren. Ein Meter vor dem Tisch blieb Than stehen und ließ das Wild neben sich auf den Boden fallen.

„Hmpf, wie ich sehe, ist dein Begleiter wohl nicht mehr am Leben. Wenigstens etwas Gutes scheint dieser Tag zu haben. So muss ich mich um einen weniger von euch kümmern.“

Asdar bereiteten solche kleinen Bemerkungen immer wieder Freude. Ginge es nach ihm, würde er die Menschen in dieser Stadt nur zu gerne töten. Dazu war er jedoch nicht in der Lage, da der Schattenkristall im Besitz von Alron war, welcher ihm verboten hatte, die Menschen zu verletzen. So sehr es ihm auch widerstrebte, war er dagegen machtlos, da er und seinesgleichen durch einen Vertrag an den Kristall und dessen Besitzer gebunden waren.

Allerdings hatte man ihm nie verboten, dass er seine Schützlinge nicht in gefährliche Gebiete senden durfte. Amüsiert blitzten seine Augen auf.

„Egal, nehme dieses tote Tier und bringe es ins Vorratslager, obwohl ich es für Verschwendung halte, euch zu versorgen, man sollte euch einfach sterben lassen.“

Than griff nach dem erlegten Wild und wollte es wieder über seine Schultern heben, als er eine Art merkwürdiges Brennen spürte, das von der Stelle ausging, wo sich sein neues Schwert befand. Zuerst versuchte er es einfach zu ignorieren. Das Brennen wurde jedoch stärker und erfasste innerhalb weniger Augenblicke seinen ganzen Körper.

Er vernahm einen so starken Schmerz, dass er aufschreien musste. Es kam ihm so vor, als ob er von etwas getrennt wurde, was bisher immer fest mit ihm verbunden gewesen war.

Sein Schrei war so laut, dass er durch den ganzen Raum widerhallte und selbst Asdar für einen kurzen Moment zusammenzucken ließ.

Schließlich verblasste der Schmerz in Thans Innerem so schnell, wie er gekommen war, und ließ ihn ausgelaugt und erschöpft zurück. Erst jetzt bemerkte er, dass sich seine rechte Hand um den Griff seines neuen Schwertes gelegt hatte und sich dabei regelrecht verkrampfte.

Es war sonderbar, zum ersten Mal fühlte er etwas völlig Unbekanntes, etwas, was er wohl Furcht oder Angst genannt hätte, wenn ihm diese Gefühle bekannt gewesen wären. Fast verzweifelt versuchte er einen klaren Gedanken zu formen, um sich wieder zu konzentrieren, doch es gelang ihm nicht. Unsicher nahm ein fremder Gedanke in seinem Inneren Gestalt an, den er ohne darüber nachzudenken äußerte:

„Was passiert hier mit mir?“

Asdar, der das ganze Schauspiel fasziniert beobachtet hatte, wich plötzlich zurück. Er wirkte nun nicht mehr neugierig oder spottend, sondern erschrocken. Jedoch brauchte er nur einen kurzen Augenblick, um seine Fassung zurückzugewinnen. Er musste sich einfach verhört haben, denn diese Menschen waren schließlich Marionetten. Sie antworteten nur, wenn man es ihnen befahl, und sie stellten bestimmt niemals Fragen.

„Wachen!“, rief er, wobei Unsicherheit in seiner Stimme mitschwang. „Bringt ihn in den Kerker. Auf der Stelle. Und haltet ihn fern von mir.“

Noch ehe Asdars Worte verklungen waren, setzten sich seine Wächter in Bewegung und wollten Than wegbringen.

Than schien nicht die Absicht zu haben, diesem Befehl Widerstand zu leisten, und blieb einfach regungslos stehen, als sich die Wachen näherten.

Eine der Wachen griff bereits mit ihrer Hand nach Thans linker Schulter, als dieser unerwartet erneut seine Stimme erhob. Doch die Stimme klang nicht wie Thans Stimme. Sie hatte einen zielstrebigen Klang und war von Kraft erfüllt:

„Ich würde eure Wachen zurückrufen, denn sie würden den Zeitpunkt eures Todes höchstens verzögern.“

Asdars Augen wurden zu schmalen Schlitzen und er fixierte sein Gegenüber.

„Wer oder was bist du? Du bist alles, aber sicher nicht dieser schwache Mensch, den ich vor mir sehe.“

Than bedachte Asdar mit einem spöttischen Grinsen.

„Ich bin der Tod für deinesgleichen, nicht mehr und nicht weniger“, sagte er selbstsicher.

Asdar verlor nun endgültig die Beherrschung und gab den Wachen den Befehl zum Angriff.

Than jedoch, oder besser gesagt jenes Wesen was ihn lenkte, wich den Schwerthieben fast spielerisch aus.

Es gelang ihm sogar, noch bevor die Wachen einen zweiten Angriff ausführen konnten, der rechten Wache das Schwert mit seiner Klinge aus der Hand zu schlagen. Dann wich er einen Schritt zurück, um sich mehr Freiraum zu verschaffen. Leider hatte es nur für einen kurzen Augenblick mehr Bewegungsfreiheit, da er fast augenblicklich wieder von den restlichen Wachen umringt war. Selbst der unbewaffnete Wächter griff ihn weiterhin an, ohne sich um den Verlust seiner Waffe zu kümmern. Erneut wehrte Than den Angriff einer Wache ab, als er Asdars spottende Stimme hörte:

„So, du willst mich also töten? Du schaffst es ja nicht einmal, meine Wachen aufzuhalten. Ich bezweifle nicht, dass du mich töten könntest, denn irgendetwas an dir strahlt eine gefährliche Kraft aus.“

Asdar entspannte sich langsam, als die Wachen Than mehr und mehr zurückdrängten.

„Doch leider scheint der Körper, in dem du bist, zu schwach zu sein.“

Zornig schaute die fremde Präsenz in Than in die Richtung von Asdar.

„Genieße deinen kurzen Erfolg, ich werde dich irgendwann töten.“

Kaum waren die Worte verklungen, verflüchtigte sich der fremde Verstand in Than so plötzlich, wie er zuvor erschienen war. Allein Than blieb zurück, welcher eher aus seinem inneren Instinkt den nächsten Schwerthieb parierte.

Mit jedem verstreichenden Moment gewann Asdar hingegen mehr an Selbstsicherheit.

„Es scheint, unser Gast ist gegangen, tötet Than auf der Stelle, bevor noch etwas Unerwartetes passiert.“

Die Wachen kreisten Than ein, während dieser völlig regungslos dastand und Asdar so ansah, als würde er ihn jetzt erst wirklich wahrnehmen. Ihn überkam ein Gefühl der Angst – zum ersten Mal in seinem Leben. Seine Hand verkrampfte sich um das Schwert und dann rannte er los.

Than vernahm Asdars spottendes Lachen, als er aus der Halle über den verwachsenen Hof rannte. Je weiter er rannte, desto leiser wurde das Lachen. Es wurde schnell von dem Geräusch rennender Füße auf dem Steinboden ersetzt.

Erst als Than die Tore passierte und den großen Platz vor der Burg erreichte, blieb er stehen. Erschöpft ließ er sich auf den Boden sinken und beobachtete, wie sich ihm die Wachen näherten.

Ihm war noch immer nicht klar, wieso er weggerannt war, er war verwirrt. Langsam befestigte er das Schwert wieder an seinem Gürtel und wartete. Asgar würde bestimmt alles wieder in Ordnung bringen und ihn von diesen merkwürdigen Gedanken befreien. Alles würde dann wieder unkompliziert und normal werden, dachte er.

Als die Wachen bei ihm angelangt waren, senkte Than langsam den Kopf. Sie blieben einen Schritt vor ihm stehen und richteten die Waffen auf ihn. Dann erhoben sie fast gleichzeitig ihre Schwerter, um Than einen tödlichen Schlag zu versetzen.

Than spürte in Gedanken schon die Klingen in sich eindringen, doch diese sollte ihn nie erreichen. Statt den Schmerz der Waffen in seinem Körper zu spüren, hörte er nur das Klirren mehrere Schwerter, die auf den Boden gefallen waren. Unsicher hob Than seinen Kopf und sah in das Gesicht einer jungen Frau.

Sie hatte langes, rotes Haar und trug eine Rüstung aus schwarzem Metall. Am auffälligsten waren ihre grünen Augen, welche Ruhe und gleichzeitig Trauer in sich trugen. Sie steckte zwei Klingen zurück in ihre Schwertscheiden, die eine Klinge glühte rötlich und die andere bläulich.

Erst jetzt fiel sein Blick auf die Wachen, die bewusstlos auf dem Boden lagen.

„Verdammt, was machst du Dummkopf hier? Wie kann man nur dasitzen und einfach zulassen, dass man getötet wird?“

Than wollte etwas sagen, kam aber nicht dazu.

„Nun richte dich gefälligst auf und folge mir! Hier können wir nicht bleiben. Denn es wird sicher bald Verstärkung eintreffen.“

Ehe Than auch nur irgendeine Art des Protestes äußern konnte, griff die fremde Frau bereits nach ihm und richtete ihn wieder auf. Dann zerrte sie ihn von der Burg weg. Than war völlig überrumpelt.

„Lass mich einfach hier zurück. Wenn ich bleibe, wird Asdar mir helfen und alles wird wieder in Ordnung sein.“

Die fremde Frau sah ihn mitleidig an. „Du scheinst es noch immer nicht zu verstehen, wenn du hier wartest, wirst du sterben.“

Nun antwortete Than trotzig: „Dann sterbe ich eben, dies ist bestimmt ein besseres Schicksal als mein jetziger Zustand.“

Leicht gereizt ließ die Frau ihre Schultern sinken. „Dann bleib eben hier, mir ist es ehrlich gesagt egal, was mit dir passiert.“

Nach diesen Worten ließ sie Than los, der sofort wieder auf die Burg zuging.

Than empfand Zufriedenheit, als er sich der Burg näherte – erneut ein sonderbares und verwirrendes Empfinden, was ihm bisher völlig fremd gewesen war. Bis er plötzlich etwas Metallisches, gefolgt von einem brennenden Schmerz, in seinem Nacken spürte. Erschrocken versuchte er sich zu umzudrehen, doch dann verdunkelte sich die Welt vor seinen Augen.

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